Digital abgehängt: Schüler in Marburg bitten um Hilfe4 min Lesezeit

Lesezeit: 3 Minuten Mit dem „DigitalPakt Schule“ wollten Bund und Länder bereits ab 2019 für eine bessere Ausstattung der Schulen mit digitaler Technik sorgen. Während der Covid-19-Pandemie zeigt sich jedoch folgendes Bild: Überforderte Lehrer, gestresste Eltern und Schüler, die nach Antworten auf ihre vielen Fragen drängen. Wenn Corona uns eines in Sachen Schule gezeigt hat, dann dass die Digitalisierung noch längst nicht Einzug gehalten hat.

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Jitsi, Zoom, Discord. Sie verstehen nur Bahnhof? Wenn ja, müssen Sie sich keine Sorgen machen. Was vielleicht nach neuen Marburger Nachtclubs klingt, sind Internet-Dienste für Video-Konferenzen. Die Liste lässt sich problemlos fortsetzen: Skype, Teams, GoToMeeting usw. Viele verschiedene Kanäle, viele verschiedene Funktionen.

Und damit sind wir mitten im Thema. Die Corona-Pandemie hat die Unzulänglichkeiten des verstaubten Schulsystems schonungslos offengelegt. Überlastete Lehrer, mangelnde Ausstattung, verkrustete Strukturen. Die Digitalisierung hat im Klassenraum noch längst nicht Einzug gehalten.


Den 16-jährigen Eren Pektas hat es da an der technisch sehr gut aufgestellten Steinmühle vergleichsweise gut getroffen. Als Vorstandsmitglied des Marburger Kinder- und Jugendparlaments (KiJuPa) weiß Pektas aber auch genau, wie es an anderen Marburger Schulen aussieht. „Die meisten Lehrer haben sich wirklich viel Mühe gegeben“, sagt der Zehntklässler über die Zeit des Homeschoolings. Am Anfang hätten sich die Schüler noch darüber gefreut, nicht in den Unterricht zu müssen. Gelernt wurde ab dann im eigenen Zuhause. „Aber schon nach drei Wochen hat es nur noch genervt“, erklärt Pektas.


An der Steinmühle konnten die Schüler mit der hauseigenen App arbeiten, ein Video-Konferenz-Anbieter wurde für die einzelnen Klassen von der IT vorgegeben. An anderen Schulen gab es diese Vorgaben nicht und die Lehrer mussten sich teilweise selbst behelfen, weiß Pektas. Auch das Angebot an die Schüler, Fragen per Video-Chat zu beantworten, oblag allein dem technischen Verständnis der pädagogischen Fachkraft. Ein Zustand,der auch Eren Pektas nicht glücklich macht.

Auch bei den KiJuPa-Sitzungen war „Unterricht während Corona“ ein Thema. Dann war zu hören, dass Schüler teilweise auf sich gestellt waren, was technische Fragen anging. „Viele haben das dann untereinander abgeklärt oder sich diese Dinge dann eben selbst beigebracht“

Der DigitalPakt Schule kann nur eine vor- übergehende Antwort auf dieses Struktur- problem sein, da die Gelder voraussichtlich für so viele Konzepte wie wir Schulen haben, bewilligt werden. Es ist nicht ausreichend, nur die Infrastruktur an Schulen zu sichern, wie beispielsweise schnelles Internet und stationäre Endgeräte. Die Digitalisierung muss endlich auch Einzug in die Lehrpläne halten. Dies ist ein Mangel, der natürlich nicht in Marburg behoben werden kann. Die BfM drängen darauf, dieses föderale Problem grundlegend zu lösen, damit die Konferenz der Kultusminister die Digitalisierung nicht erst in zehn Jahren in die Lehrpläne übernimmt.

Probleme gab es besonders dann, wenn Fragen der Schüler zu gestellten Aufgaben aufkamen – und das passiert eben nicht selten. Gibt es keinen virtuellen Raum, in dem Schüler ein unmittelbares Feedback bekommen, wird es schwierig mit dem Lernfortschritt. „Gerne hätten einige Schüler mehr Zeit für ein Gespräch gehabt, um Fragestellungen mit den Lehrern zu besprechen. Generell wäre es natürlich schön, wenn es eine einheitliche Software für alle Schulen gäbe“, sagt Pektas. Leider ist dieser Wunsch bislang nur Zukunftsmusik.

„Ohne einheitliche App wird es schwierig“, weiß Pektas, weil dann natürlich auch nicht alle wichtigen Dinge den jeweiligen Unterricht betreffend, auf einem Kanal stattfindet. Generell ist Pektas aber lieber in der Schule. Ihm geht es da wie vielen Mitschülern. „Es macht da einfach mehr Spaß zu lernen“. Auf Dauer fehlten eben die Klassenkameraden und das Menschliche.

Übrigens gehe es den Lehrern da genauso laut Pektas. Auch da sei den meisten daran gelegen, wieder in der Klasse zu unterrichten und nicht von Zuhause aus.

Fazit der BfM: Corona hat deutlich gemacht, wie viel den meisten Schulen noch fehlt, um eine solche außergewöhnliche Situation zu bewerkstelligen. Weder besitzen die Schulen das nötige „Know-how“, noch die technische Ausstattung oder einen Plan, um die Kinder flächendeckend zu beschulen. Zumeist sind die Lehrer auf sich allein gestellt, wenn es um die erste Schritte in Richtung Digitalisierung geht.

In den Sommerferien ist in dieser Hinsicht leider kaum etwas an den heimischen Schulen passiert, sodass sich ein erneuter Pandemie-Lockdown ebenso verheerend auswirken würde, wie der Erste. Es dauert einfach viel zu lange, bis die notwendigen Veränderungen von Seiten des Hessischen Kultusministeriums in die Schulämter getragen wird, um sich von dort aus in die Schulen zu verbreiten. Im Moment wird noch immer Schadensbegrenzung betrieben. Der Anschluss an die Digitalisierung ist längst verpasst. Nun heißt es, zu handeln, bevor die Schule sich noch weiter von der gelebten Wirklichkeit entfernt.