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Klinikalltag in Marburg: Erst der Profit, dann die Pflege3 min Lesezeit

28. Januar 2018 2 min read

Klinikalltag in Marburg: Erst der Profit, dann die Pflege3 min Lesezeit

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Wer zufrieden mit seinem Job ist, leistet auch gute Arbeit. Klingt logisch. Auch Erika Hallenberger nickt zustimmend, ob dieser einfachen Schlussfolgerung.
Die Wertschätzung der Arbeit sollte ein wichtiges Thema sein, meint die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende des Universitätsklinikums Gießen und Marburg (UKGM). Ein Thema, das auf den Marburger Lahnbergen derzeit jedoch kaum eine Rolle spielt.


Die Patientenversorgung funktioniere nur deswegen noch, weil in den meisten Fällen ein großer Zusammenhalt unter den Kollegen der einzelnen Fachabteilungen herrsche. „Die Leistungsanforderung an die Mitarbeiter ist über die Jahre immer höher geworden“, beschreibt Hallenberger die Entwicklung mit ihrer Erfahrung aus 45 Dienstjahren:„Außerdem haben wir es derzeit enorm schwer, gutes Personal – das wir sogar selbst hier am Standort ausbilden – zu halten“.

Warum das so ist? Junge Menschen seien flexibler und würden sich oftmals gegen das Wirtschaftsunternehmen und die damit verbundenen Arbeitsbelastungen entscheiden. Im Zuge der Gewinnmaximierung sei es heutzutage eben nicht mehr so einfach, sich mit dem Unternehmen zu identifizieren, sagt Erika Hallenberger.

Die Zahl der Mitarbeiter stagniert seit Jahren, während das Klinikum sukzessive wächst. Die entstehende Mehrarbeit zeigt sich verstärkt in der Anzahl der Überlastungsanzeigen. Seit 2004 sind Arbeitgeber verpflichtet, länger erkrankten Beschäftigten ein Betriebliches Eingliederungsmanagement (kurz: BEM) anzubieten.

Im Sozialgesetzbuch (SGB IX) verankert, ist dort festgelegt, dass ein Arbeitgeber allen Beschäftigten, die innerhalb eines Jahres länger als sechs Wochen ununterbrochen oder wiederholt arbeitsunfähig sind, ein BEM anzubieten hat. Das bedeutet, dass der Arbeitgeber klären muss, wie die Arbeitsunfähigkeit möglichst überwunden werden und mit welchen Leistungen oder Hilfen erneuter Arbeitsunfähigkeit vorgebeugt und der Arbeitsplatz erhalten werden kann.

Der Verkauf der Kliniken durch das Land Hessen war und ist ein Fehler. Zwar haben die BFM hier kommunalpolitisch keinen Handlungsspielraum, allerdings möchten wir trotzdem deutlich unsere Solidarität mit den Mitarbeitern des UKGM äußern. Mit Gesundheit und Patientenwohl darf keine Gewinnmaximierung betrieben werden. 

Fakt ist, dass diese Unterstützungen für die Mitarbeiter durch die UKGM-Führung nicht vollzogen wird. „Wir haben nicht mal einen innerbetrieblichen Psychologen, der sich wenigstens um die schlimmsten Fälle kümmern könnte“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Wolfgang Demper. Derzeit gäbe es 487 Fälle, bei denen Erst der Profit, dann die Pflege eigentlich ein BEM angeboten werden müsste.

Bei den Überlastungsanzeigen der Mitarbeiter sei sehr häufig ein „psychisches Leiden“ die Ursache. Wenn bei etwa 4.500 Mitarbeitern also mehr als zehn Prozent nicht mehr arbeiten können, wären vorübergehende Krankheitsvertretungen sicherlich angebracht. Tatsächlich sind Wolfgang Demper lediglich fünf Fälle bekannt, in denen eine Krankheitsvertretung eingestellt wurde.

Auch die Überstunden häufen sich an. Derzeit sind es 155.000 – Tendenz weiter steigend. Diese Stunden können weder abgefeiert werden, noch werden sie ausbezahlt, beklagen Demper und Hallenberger. Schließlich hätte das Personal ein Gewissen gegenüber den Patienten und würde diese eben nicht im Stich lassen. Dass sich Besserung einstellt, sehen die beiden Betriebsratsmitglieder unter den derzeitigen Voraussetzungen nicht.
Am Ende verlieren so nicht nur die Mitarbeiter, sondern natürlich auch diejenigen, die die Hilfe am dringendsten benötigen: die Patienten.