Umwelt

Kampf gegen die Bagger in Marburgs grüner Mitte5 min Lesezeit

1. Februar 2018 4 min read

Kampf gegen die Bagger in Marburgs grüner Mitte5 min Lesezeit

Lesezeit: 4 Minuten

Bernhard Conrads hat in den vergangenen zwei Jahren sehr viel mehr über sein Zuhause dazu- gelernt. Über die Geschichte seines Viertels. Er hat viele neue Bekanntschaften geschlossen und einen Zusammenhalt unter den Weidenhäusern erfahren, der ihm sein „kleines Gallisches Dorf“ noch mehr ans Herz wachsen ließ.

„Ich bin da so reingeschlittert“, sagt der ehemalige Bundesgeschäftsführer der deutschen Lebens- hilfe über seinen Einsatz für das „Grüner Wehr“. Zunächst wollte er sich im Januar 2018 auf einer Ortsbeiratssitzung einfach nur über das Thema „Altwerden in Weidenhausen“ informieren: „Denndas werde ich sicherlich“, sagt Conrads mit einem Schmunzeln. Unter „Verschiedenes“ tauchte an diesem Tag dann jedoch – überraschend – ein noch viel interessanterer Punkt in der Tages- ordnung auf: die komplette Neugestaltung des Weidenhäuser Wehrs.

Bernhard Conrads zeigt, wo die Arbeiten am Weh stattfinden würden.

Grundlage der geplanten Komplettsanierung im Sinne eines weitgehenden Abrisses und Neuaufbaus an der beliebten Lahnstelle zwischen Ufercafé und Trojedamm war damals ein Gutachten aus den Jahren 2007/2008. Das auf der Ortsbeirats- sitzung präsentierte Sanierungs-Vorhaben musste vermuten lassen, dass bereits im Jahr 2019 die Bagger anrücken sollten.

Weil den Baufahrzeugen eine Zufahrtsstraße geebnet werden sollte, waren auch viele alte Bäume am Ufergelände der Lahn gefährdet. Angedacht waren zudem eine Kanu- rutsche, eine betonierte Plattform am Rande des Wehrs und eine Fischtreppe. Conrads und die anderen Gäste der Ortsbeiratssitzung staunten nicht schlecht über diese Nachrichten.. 

Die BfM sind strikt gegen Rodungen, Party-Plattform und Kanurutsche am „Grüner Wehr“. Die idyllische Lahnlandschaft muss zum Wohle der Bürger erhalten bleiben. 

„Da unten spiele ich sehr gerne mit meinen Enkeln“, sagt Conrads und zeigt mit dem Finger auf einen Uferbereich vor dem Wehr. „Nach dem Schloss ist dieser Teil Marburgs sicherlich der am häufigsten fotografierte. So wie es ist, ist es einer der schönsten Blicke auf Marburg. Ein tolles Postkartenmotiv“, findet Conrads.

„Das Wehr gibt es seit dem 15 Jahrhundert“, weiß der 76-Jährige. Es sei etwas, das es zu bewahren gelte. Auch aus diesem Gedanken heraus engagiert Conrads sich fortan für den Erhalt des Wehrs. Und so formierte sich – auf Initiative vieler anderer beunruhigter Weidenhäuser im Februar 2018 eine Bürgerinitiative (BI).
Diese war sich darüber einig, dass das Wehr aus Gründen des Denkmal-, Landschafts- und Naturschutzes erhalten bleiben muss – einschließlich der Linden am Trojedamm.

„Eigentlich ist die ganze Geschichte ja schon ein Erfolg“, sagt Conrads in einem versöhnlichen Ton. Immerhin sei der Baustart im Jahr 2019 erfolgreich verhindert worden. Anfang diesen Jahres hat dann auch noch Marburgs Bürgermeister Wieland Stötzl (CDU) zugesichert, dass es keine Partyplattform und auch keine Kanurutsche am Wehr geben wird. Natürlich werden einige Kanusportler diese Nachricht nicht so positiv aufnehmen, jedoch hofft Conrads auf Verständnis bei den Wassersportlern: „Es ist wichtig immer in Austausch miteinander zu sein“. Auch sei die Lahn in Marburg ja kein wirkliches Bootsverkehr-Gebiet. „In Weilburg oder Limburg ist die Lahn dann ein Kanufluss“, sagt Conrads. Die Absage an die Rutsche findet der 76-Jährige eine sinnvolle Entscheidung.

Spannend bleibt die Situation dennoch, weil noch ein weiteres Gutachten aussteht. Dieses Mal ist das Gutachten jedoch in Absprache mit der BI von der Stadt in Auftrag gegeben worden. „Wichtig war, dass das beauftragte Büro nun unabhängig an die Sache herangeht“, sagt Conrads. 

Rückenwind bekam die BI Grüner Wehr im Jahr 2019 von der Initiativgruppe Marburger Stadtbild und Stadtentwicklung (IG Marss), die den Wehr-Kämpfern einen Preis für „herausragendes Bürger-Engagement zum Wohle des Stadtbildes“ überreichten. Zusätzlich wurde ein Bank direkt am Grüner Wehr aufgestellt, die mit einem Siegel auf diesen Erfolg aufmerksam macht.

Die gestiftete Bank mit der Plakette für das „herausragende Bürger-Engagement“ der BI „Grüner Wehr“.

Die BI wird jedoch weiter auf ihren Forderungen bestehen. „Sollte das Gutachten aussagen, dass Reparaturmaßnahmen unumgänglich sind, so bestehen wir dennoch darauf, dass auch keine Plattform installiert werden“, sagt Conrads. Eine landschafts- und denkmalschutzgerechte Variante des ins Spiel gebrachten Fischpasses sei wiederum eine gute, weil ökologisch sinnvolle Baumaßnahme. „Dagegen hatten wir nie etwas“, sagt Conrads.

Conrads blickt zufrieden von der Trojedamm-Brücke auf die Lahn und das Wehr. „Ich finde es einfach toll. Es hat etwas Wildes und Ursprüngliches. Und es ist eben nicht perfekt, dass macht diesen Ort ja aus“. An diesem Tag spielen Kinder vor dem Wehr, eine Schwanenfamilie bahnt sich ihren Weg auf dem Wasser – eine wunderschöne Kulisse für ein Foto.

Mitte September wartet die BI – noch immer ungeduldig – auf die Präsentation des der Stadt seit Juli 2020 vorliegenden Gutachtens.

Malerisch: Der Blick vom Trojedamm auf das Grüner Wehr.